Elysiums liebster Poet: Leonard Cohen letzte Songs

Wie lange kann ein Moment lang anhaltender Rührung dauern, der einem tief unter die Haut geht? Nach meinen Berechnungen sind es exakt 29:17 Minuten. Genau so lange ist die Laufzeit von „Thanks For The Dance“ dem posthumen Album von Legende Leonard Cohen, dessen Songs voller Klarheit und Würde bereits ein jenseitiges Licht umspielt, das die Dunkelheit des Todes mit Hoffnung durchdringt, der er sich auf seinem letzten offiziellen Album „You Want It Darker“ bereits anvertraute.

Kurz vor dem Lebensende des kanadischen Poeten im November 2016 sind diese letzten Aufnahmen seiner Stimme entstanden, die sein Sohn Adam im Geiste von Vater Leonard als „Keeper of the Flame“ zu einem berührenden musikalischen Gebet vollendet hat, dem man mit aller gebotenen Andacht lauscht, um sich hernach vor dem Schöpfer und seinem Wirken dankbar, bereichert, beseelt zu verbeugen.

Trotz endender physischer Kraft zeugen diese nachgelassenen Lieder von einem mentalen Kraftakt, klingen sie doch nach völliger buddhistischer Ruhe und Konzentration, getragen von innerem Frieden und der Gewissheit, dass dieser Mann mit sich und seinem Leben im Reinen war, bereit für den Abschied.

Konzentriert, auf das Wesentliche reduziert ist auch die musikalische Begleitung von Leonard Cohens Rezitationen. Es ist passend, dass diese letzten Songs vornehmlich von Sprechgesang getragen sind, denn Cohen hat sich zeitlebens immer in erster Linie als Dichter gesehen denn als Musiker. Ein großer Poet, dessen Texte in den letzten Jahren noch einmal eine besondere Qualität gewonnen haben, altersweise, unsentimentale Klarheit, präzise in wenigen Worten, scharfen Bildern.

Now the angel’s got a fiddle and the devil’s got a harp“ versöhnt der Dichter Gut und Böse in „What Happened To The Heart“, einer Selbstreflexion, wie sie ehrlicher nicht sein kann. Ein dezentes Pianomotiv und ein paar Oudklänge reichen, um sich der Flughöhe dieses Textes angemessen zu erweisen.

In „Moving On“ mit seinen hingehauchten Bouzoukiklängen entsteht sofort das Bild des jungen Cohen vor den Augen, wie er mit seiner lebenslangen Liebe und großen Muse Marianne Ihlen auf der griechischen Insel Hydra das Leben und die Leidenschaft genießt. Der Text ein zärtliches Liebesgedicht, ein wunderschöner Nachruf auf diese Frau und die Beziehung mit ihr, der sich schließende Kreis zu „So long Marianne“ und „Bird On The Wire“. Mir stockt beim Zuhören der Atem und Tränen steigen mir in die Augen.

Der Titelsong ist ein langsamer Walzer, ein wehmütiger Rückblick, ebenfalls auf die Liebe, zwischen Gelingen und Scheitern balancierend, von poetischer Sogkraft ohnegleichen. Wie so oft steht die Metapher des Tanzes im Songkanon Cohens für bewegtes Leben und die Fragilität der Liebe. Was für ein Dichter ist der Welt da vor drei Jahren verloren gegangen. Hätte man seinerzeit nicht Cohen zugleich mit Dylan mit dem Nobelpreis für Literatur auszeichnen sollen angesichts solcher Verse?

It was fine, it was fast
We were first, we were last
In line at the
Temple of Pleasure
But the green was so green
And the blue was so blue
I was so I
And you were so you
The crisis was light
As a feather

„The Night Of Santiago“ feiert unverblümt die sinnliche Lust. Nur einem wie Cohen konnte es gelingen, das Wort Nippel nicht chauvinistisch klingen zu lassen. In der lebensbejahenden Freude der Lyrics dieses Tracks wird deutlich, dass bei aller Traurigkeit über den Verlust des Songpoeten die schöne Erinnerung an sein Dagewesensein überwiegen soll und muss. Schätzen wir uns dankbar dafür, kostbare Zeit mit Cohen und seinen Liedern verbracht und mit anderen geteilt zu haben.

Das gerade mal 72 Sekunden kurze „The Goal“ hingegen ist Abschied von der Welt pur. Selbst in Zeilen auf dem Sterbebett teilt sich noch der Wille des Kanadiers mit, dem Tod mit aufrechter Haltung entgegenzutreten. Selten dürfte es dem Fährmann schwerer gefallen sein, einen Menschen über den Styx zu rudern.

No one to follow
And nothing to teach
Except that the goal
Falls short of the reach

Im finalen „Listen To The Hummingbird“ verdichtet Cohen im wahrsten Sinne des Wortes sein Vermächtnis auf wenige Zeilen voller Bescheidenheit, in denen er der Natur und dem Spirituellen der Welt Vorrang vor seiner eigenen Bedeutung einräumt. Hier offenbart sich die wahre Größe eines freien, uneitlen Geistes.

Listen to the hummingbird
Whose wings you cannot see
Listen to the hummingbird
Don’t listen to me.

Listen to the butterfly
Whose days but number three
Listen to the butterfly
Don’t listen to me.

Listen to the one in charge
Who studies your ID
Listen to the one in charge
Don’t listen to me.

Listen to the sovereign heart
Resign its sovereignty
Listen to the sovereign heart
Don’t listen to me.

Listen to the mind of God
Which doesn’t need to be
Listen to the mind of God
Don’t listen to me.

Die letzten Takte des Albums sind pure Verflüchtigung ins Metaphysische, als würde man dabei zuhören, wie Geist und Seele Cohens Körper verlassen, um sich der Ewigkeit anzuvertrauen, bereit für jede Reinkarnation.

Was für ein wirkungsvolles, poetisch mächtiges, monumentales Vermächtnis von Leonard Cohen, im von Adam Cohen perfekt ergänzten musikalischen Minimalismus, der ein Zeichen größten Respekts vor dem großen Vorbild darstellt. Welch ungeheuer geerdeter und zugleich erhabener, überirdischer Schwanengesang. Grüße aus dem Elysium.

Ach, du gute alte Gänsehaut!

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