Poetisches Folkjuwel: I AM OF IRELAND

Wenn irischer Whiskey flüssiges Gold ist, verdient das Album „I AM OF IRELAND – Yeats in Song“ ohne Zweifel die Bezeichnung akustisches Gold. Denn diese hochkarätige Hommage an Irlands Nationaldichter William Butler Yeats (1865-1939) ist reinste Musikpoesie, die ich Euch hiermit wärmstens ans herbstlich gestimmte Kaminherz lege. In der internationalen Folkpresse wird das Album zurecht gefeiert. Outstanding!

Initiator des wunderbaren Liederreigens, der keltische Folktradition kongenial mit der Lyrik des Literaturnobelpreisträgers Yeats (1923) verwebt, ist der Komponist, Arrangeur und Illustrator Raymond Driver. Interessant ist dabei vor allem auch die Entstehungsgeschichte der Yeats Songs, die einige Jahre zurückliegt.

Der Projektimpuls entstand beim Spazierengehen

Die Idee zu dem ambitionierten Projekt kam Driver während eines Waldspaziergangs mit seinem Labrador Retriever Chloe. Raymond rezitierte im Gehen leise das Yeats-Gedicht He wishes for the Cloths of Heaven als ihm eine Melodie dazu in den Sinn kam und er die Verse zu singen begann. Ein segensreicher Augenblick – Momentum im besten Sinne.

In der Folge vertonte Driver auf gleiche Weise über 100 Yeats-Gedichte, die er jeweils in einen portablen Recorder einsang. Die pure sonische Substanz dessen, was die Grundlage des heutigen Albums darstellt. Und auf deren Basis auch die ersten Interpretationen von Drivers Yeats-Melodien durch die Sopranistin Laura Whittenberger und den Pianisten Peyson Moss entstanden.

Erst klassisch interpretiert, dann traditionell keltisch adaptiert

Die beiden Musikabsolventen des Peabody Konservatoriums an der John Hopkins University in Baltimore führten 2016 an der American Irish Historical Society in New York erstmals die Yeats Songperlen von Driver auf. Das von der ebenfalls im Big Apple ansässigen W. B. Yeats Society gesponserte Konzert wurde ein voller Erfolg und führte 2018 schließlich zur Veröffentlichung des Album „Word that sing in the night“.

Nur wenige Monate später diskutierte Driver mit dem Musikproduzenten Paul Marsteller die Idee, eine Auswahl der zahlreichen Yeats Songpoeme auch in ein traditionelles Setting von Celtic Folk zu überführen. Was sich jetzt als glückliche Fügung erweist. Denn die beiden konnten eine Reihe namhafter Folkmusiker für „I AM OF IRELAND“ gewinnen. Und das vorliegende Ergebnis ist eine wahre Ohrenweide!

Der warme Klang der irischen Seele

Nicht weniger als 24 Tracks versammelt das Album, die den ganzen Reichtum der irischen Seele als ausbalancierte Melange von Lebenslust, Heiterkeit und warmherziger Melancholie ausbreiten und vermitteln. Vom ersten Song an öffnet sich das Fenster auf die weite und mystische Poesielandschaft des irischen Dichters, die in der geerdeten traditionellen Musik ihren Zauber voll entfalten kann.

Gleich im Titelsong zum Auftakt des Albums stimmen die Sängerinnen Cathy Jordan und Seamie O’Dowd, die übrigens wie Yeats aus Sligo stammen, den Hörer mit typischer irischer Folklore ein, wie sie den Dichterfürsten selbst auch faszinierte. Ein leichtfüßiger Tanz über Irlands grüne Hügel.

Musikantenverabredung mit einem großen Dichter

John Doyle berührt gleich darauf zutiefst das Herz mit seiner Interpretation von „He wishes for the Cloths of Heaven“, dem ersten Gedicht, das Driver seinerzeit spazierend vor sich hinsang. Eine von vielen wundervollen Balladen auf diesem Werk, die belegen, über welche kompositorischen Fähigkeiten und Melodiegefühl Raymond Driver verfügt. Das ist poetisches Einfühlungsvermögen par excellence.

Als Klassiker, weil bereits vielfach auf unterschiedliche Weisen vertont, darf „The Lake Isle of Innisfree“ gelten, das hier von Christine Collister gesungen wird. By the way: Einige der hier interpretierten Yeats-Gedichte wie eben jenes haben auch schon Mike Scott von The Waterboys dazu inspiriert, dem irischen Dichter musikalisch zu huldigen. Das vor 10 Jahren entstandene Album „An Appointment With Mr. Yeats“ dieser herausragenden Folkrockband sei darum an dieser Stelle als passende Horizonterweiterung und zum Wiederhören empfohlen.

Alles, was das Folkliebhaberherz betört

Wie bereits gesagt, ist jeder Song ein Kleinod für sich, ich beschränke mich im Weiteren darauf, meine persönlichen Liederlieblinge zu benennen, weil es sonst den Rahmen dieser Rezension sprengen würde. Möge jeder auf der umfassend gestalteten Homepage inklusive Player seine Favoriten für sich entdecken, genießen und wertschätzen.

„He tells of the perfect Beauty“, von Dave Curley gesungen und mit Fiddle und Uilleann Pipes keltisch traditionell arrangiert, ist akustischer Balsam, der Wunden schließt. Von feenhafter Schönheit und Zartheit ist „The Falling of the leaves“, das den bevorstehenden Herbst mit gebotener Melancholie ankündigt. Die kristallklare Stimme von Eleanor Shanley, das perlende Harfenspiel von Laura Zaerr und die gefühlvoll gestrichenen Geigensaiten von Kevin Burke lassen Yeats Lyrik wie in allen Herbstfarben schillerndes Laub schweben.

Eine Melodieninsel für Melancholiker

Fergal McAloons Bariton und Neal Hannas feine Gitarrenakkorde lassen „The wild Swans at Cole“ sanft und erhaben durchs Gehör gleiten. Jackie Oates bringt, unterstützt von Akkordeonbegleitung, mit „Brown Penny“ wieder etwas Leichtigkeit ins Geschehen. Sehr berührt bin ich – wohl auch altersbedingt – von „When you are old“. Die ebenfalls von McAloon dargebotene eindringliche Reflexion wirkt bei bekennenden Melancholikern wie mir sicherlich besonders intensiv.

Weitere Anspieltipps: „An Irish Airman forsees his death“, gesungen von John Doyle. „The white birds“, bei dem Jackie Oates Stimme mich an die von mir hoch geschätzte englische Folksängerin Kate Rusby erinnert. „The Mask“, ein must-hear-Track wie „September 1913“.

„Never give all the heart“ von Sänger und Gitarrist Dave Curley vertont Yeats poetische Mahnung, dass ein durch Liebe weit geöffnetes Herz äußerst verletzlich ist. Und „He tells of a valley full of lovers“ schließlich ist mit seiner melodienseligen Fiddle- und Pipes-Charakteristik vollendete irische Folkharmonie, aufs Schönste zelebriert von McAloon und Vater und Sohn O’Dowd.

Fazit: In aufwühlenden Zeiten wie diesen ist die wohltuende Emotion dieses fabelhaften Albums ein wahres Geschenk. Zudem verführt es auf subtile Weise dazu, sich mit dem großartigen lyrischen Werk von William Butler Yeats vertraut zu machen.

Beim Hören dieses wunderbaren Folk-Kleinods gestaltet sich ein schönes Bild vor meinem inneren Auge. Ich stehe mit Raymond Driver in einem Dubliner Pub am Tresen, rund um uns ist die Kneipe gefüllt mit sämtlichen Musikern und deren Yeats-Liedern. Ich werfe voller Begeisterung eine Lokalrunde und erhebe mein Whiskeyglas zum Dank für „I AM OF IRELAND“ auf das Wohl von Raymond Driver und allen am Projekt Beteiligten. „Sláinte!“

yeatsinsong.com

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