Lagerfeuer im Herzen – David Berkeleys Folkpoesie

Nach einigen Wochen wohltuender Digital-Diät ist das wunderbare neue Album von David Berkeley willkommener Anlass, mich zurückzumelden. „Oh Quiet World“ ist ein herzerwärmendes Storytelling-Kleinod von einem der herausragenden, leider zu wenig bekannten Songwriter unserer Zeit. Seit zwei Jahren begeistert Berkeley mich auch mit seinem englischen Kumpel Ben Parker jr. als kongeniales Folk-Duo Son of Town Hall.

Das mittlerweile achte Studioalbum des überaus sympathischen Amerikaners ist während der Corona-Zeit entstanden. Zu Beginn der Pandemie befand Berkeley sich mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in einem längeren Spanienurlaub. Kurz vor dem Lockdown dort gelang es der Familie mit einem der letzten Flieger in die Staaten zurückzukehren.

Im Gepäck eine alte spanische Akustikgitarre, die der Musiker second-hand in Madrid gekauft hatte. Auf diesem über 50 Jahre alten Instrument sind die neun neuen, hinreißenden Songs in selbstverordneter Quarantäne entstanden. Und zwar im leerstehenden Haus eines Freundes in der Nähe von Rhode Island. Dieses Quartier musste Familie Berkeley vorübergehend beziehen, weil sie wegen des ausgedehnten Spanientrips ihr eigenes Haus bis Juli dieses Jahres durchgehend vermietet hatte.

Berkeley beweist auf „Oh Quiet World“ eindrucksvoll, wie reflektiertes, positives Denken selbst den negativsten Momenten wahre Schönheit abgewinnen kann. Einmal mehr wird der großartige Songschreiber den vielen Lorbeeren gerecht, die Kritiker über ihn ausschütten. Die Presseseite von Berkeleys Homepage ist voll von Lobeshymnen, die ihn als Musikpoeten erster Güte in eine Reihe mit Musikern wie Donovan, Nick Drake und Tim Buckley stellen. Völlig zurecht.

So gipfeln seine feine Beobachtungsgabe und menschliche Empathie in einfühlsame, stets von Liebe, Respekt und Humanität geprägte Lyrics, in denen das Private zum Politischen wird. Berkeleys sanfte Bardenstimme und seine zarten, gefühlvollen Melodien verstehen es, den Hörer zu umgarnen. Harmonie pur, die in diesem Fall den Geist der Stille, des Innehaltens beschwört, den Corona uns aufgezwungen hat.

„Oh Quiet World“ ist das eindringliche Echo dieser entschleunigten Zeit, so beruhigend und wohltuend für uns konsumsüchtige und stressabhängige fremdbestimmte Wesen wie die jetzt auferlegte Ruhepause, die uns nötigt, das Leben zu hinterfragen und uns auf das Gewicht der Welt und ihre Balance, auf wahre Werte zu besinnen – aufs Sein statt aufs Haben.

Jeder Song Berkeleys ist ein Hoffnungsschimmer, ein zarter poetischer Widerstand gegen sich ausbreitende Angstgefühle und Negativismus. Der Songwriter setzt der Lebensbedrohung unbändigen Lebenswillen entgegen, verbreitet Freude am Dasein, begegnet dem Geschenk der menschlichen Existenz mit Dankbarkeit, Demut und dem ewigen Mantra des „Cape Diem“.

Eine einzige Hymne an das Wunder und die Vielfalt des Lebens ist dieses brillante Album, ein leiser, inspirierender Appell, sich dem nicht verweilenden Augenblick anzuvertrauen, weil er doch so schön ist und so fragil. Anstatt die Lieder im Einzelnen zu beschreiben, möchte ich in diesem Fall insistieren, sie sich einfach nur anzuhören, für sich sprechen und wirken zu lassen, tief in die Seele hinein, sich der sanften Kraft ihrer Berührung hinzugeben. Jeder Ton, jede Textzeile ein aufatmender Seufzer.

„Oh Quiet World“ ist ein Songreigen voll strahlenden Lichts, das den Weg durchs Dunkel erhellt, voll ansteckender Wärme und umarmendem Gefühl, also voll von dem, worauf es wirklich ankommt im menschlichen Miteinander, vor allem auch über diese Krise hinaus. In dieser stillen Welt, die Berkeley besingt, brennt ein Lagerfeuer, das der Musiker in unser aller Herzen anzündet. Danke David, Danke!

davidberkeley.com

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