Menschenfreund Reinhard Mey mit neuen Liedern

So einen Menschenfänger wie Reinhard Mey wünschte ich mir mal als obersten Repräsentanten unseres Volkes. Einer, der die große Gabe besitzt, seine Gedanken, Worte sorgfältig, präzise zu wählen und zu formulieren. Einer, der es versteht, Positives über die Menschen und das Leben zu sagen. Einer, der jeden ermuntert, das Beste in sich und anderen zu entdecken und zu teilen. So einen braucht man gerade jetzt mehr denn je.

Ich stelle mir vor, wie Mey, die Gitarre in der Hand „Meine Söhne geb‘ ich nicht“ singt und auf diese Weise den letzten großen Zapfenstreich verkündigt. Ende mit Kriegsgelände. Ja, ein Friedensstifter ist dieser Reinhard Mey, der gerade das 28. Studioalbum seiner Karriere vorgelegt hat. „Haus an der Ampel“ ist der Titel der Platte, der das Elternhaus des Liedermachers und die dortigen privaten Geschehnisse von Aufbruch bis Heimkehr verortet.

Liedermacherkunst als fortlaufende Biographie

Wie es seine Art ist, lässt Mey den Zuhörer in vielen Liedern an seinem Leben teilhaben. Prägende Erlebnisse und Begegnungen, kleine Geschichten des Alltags skizziert er gekonnt fortlaufend zu seiner eigenen Biographie, wie er es mal in einem TV-Porträt ausgedrückt hat. So ist es wohl. Und es ist wohltuend, ihm dabei zuzuhören. Bei den vielen kleinen liebevoll beobachteten und verinnerlichten Details, die das große Ganze ausmachen. Was das betrifft, ist Reinhard Mey wahrlich ein lyrischer Meister – der Erich Kästner der Liedermacherkunst.

Es gibt wieder vieles zu entdecken und aufzusaugen in die Seele auf dem neuen Album, mal mit einem Seufzen, mal mit einem Zwinkern im feuchten Auge. Ob Reinhard Mey über die Vergänglichkeit nachdenkt wie im Auftaktlied „Im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten“ oder das Recht auf selbstbestimmtes Sterben in „Gerhard und Frank“ zu emotionaler Nachvollziehbarkeit verdichtet, des Sängers Menschenbild möchte man hochhalten wie eine Monstranz, auf das ihr Licht in alle Herzen scheine.

Reflexion und Narrativ perfekt verknüpft

Meys Liedgut – selten war dieser Begriff so zutreffend – ist von Einfühlungsvermögen und Wahrhaftigkeit geprägt. Gelegentlich auch durchzogen von Momenten der Stille und Einsamkeit, die jeder Künstler durchlebt, der aus seinem Inneren schöpft. Das Reflexive und das Narrative gehen beim grandiosen Geschichtenerzähler Reinhard Mey Hand in Hand.

In „Der Vater und das Kind“ reicht ihm ein teilnahmsvoller Blick auf ein miteinander verbundenes menschliches Schicksal, dessen er im Konzertsaal gewahr wird, um seine Warmherzigkeit und seine humanistische Haltung und Herzensbildung zu zeigen. Die Wehmut und Trauer über den Verlust des eigenen Sohnes Max schwingt zwischen den bewegenden Zeilen mit.

Von Hunden und Kindern – emotionale Verbundenheit

„In Wien“ reflektiert Mey seinen künstlerischen Werdegang, die dankbare Wiederkehr an einen zentral wichtigen Ausgangspunkt – eine Erinnerung, die auch beim Zuhörer hängenbleibt. „Was will ich mehr“ setzt dieser Demut und Dankbarkeit die ganz persönliche Krone auf. Ja, so will man auf sein Leben blicken können wie dieser Reinhard Mey, dann hat es sich gelohnt.

Da braucht es zwischendurch eine heitere oder leicht besinnliche Note. Beides beherrscht Mey par excellence. Wie seine beliebten Hunde- und Kinderlieder, die von jeher eine große Stärke von Mey sind. An diese Tradition knüpft er auch hier wieder an. Den treuesten Freund des Menschen würdigt der Liedermacher einmal mehr auf unnachahmliche Weise mit „Häng Dein Herz nicht an einen Hund“. Jeder Hundeliebhaber wird Wort für Wort unterschreiben.

Bezaubernd und hinreißend dann sein „Wiegenlied“, das man jedem Neugeborenen gleich Abend für Abend vorsingen möchte. Die wundervollen Metaphern, vorrangig aus der Natur, mit denen Mey den besungenen Enkel benennt, weisen ihn als Poeten aus, der Sprache in pure Emotion zu verwandeln vermag. Das dazugehörige Klangbild ist nicht weniger lyrisch. Dank der von Manou Liebert gespielten Harfe ist dieses Lied auch musikalisch ein Höhepunkt des Albums.

Famose Hommage an den Weggefährten Bleistift

Das zweite Highlight ist aus meiner Sicht „An meinen Bleistift“. Reinhard Mey gelingt es wie keinem zweiten solche Lieder zu schaffen, die einen nachhaltig berühren. Eine Hommage an einen Gegenstand, der hier elementare Bedeutung erlangt und das Schreibgerät zum lebenslangen Freund und Wegbegleiter personifiziert. Das ist ganz ganz großes Musikkino deutscher Sprache. Chapeau!

Für seine leise, weise Poesie findet der Sänger stets die richtige Melodie, kongenial instrumentiert und arrangiert vom treuen musikalischen Begleiter Manfred Leuchter sowie von Jörg Surrey, der für die Gesangsaufnahmen verantwortlich zeichnet. Diese Langzeitvertrauten verstehen Mey blind und lassen den alten Granden immer noch klingen, als spiele und sänge dort der junge Frederik, der einst als Chansonnier in Paris die Welt zu erobern begann.

Der liebevolle Blick des Menschenfreundes

Seit über 50 Jahren hat Mey nun den Menschen mit all seinen Stärken und kleinen Schwächen im Blick, beobachtet und formuliert brillant dessen Wesensarten, Lebensarten und Befindlichkeiten, mal mit empathischem Ernst, mal mit verständnisvoll lächelndem Wohlwollen. Ob bei sich selbst oder bei anderen. 

Selbst in seinen spöttischeren Momenten gibt er nie jemanden der Lächerlichkeit preis, sondern begegnet menschlichen Unzulänglichkeiten oder Eigenarten mit entlarvendem und zugleich entwaffnendem Humor. Besagtes Hundelied sowie „Menschen, die Eis essen“ und „Ich liebe es, unter Menschen zu sein“ haben diesen liebevoll gemeinten ironischen Unterton.

Reinhard Mey ist und bleibt als aufrichtiger Herzensdemokrat und liebenswerter Philanthrop ein Solitär unter den deutschen Liedermachern. Ein Humanist, an dessen Wertekodex man sich orientieren kann und sollte. Einer wie Hanns Dieter Hüsch es war. 

Möge Reinhard Mey noch lange unter uns sein

In drei Jahren wird Reinhard Mey Achtzig. So er – was wir alle hoffen – gesund bleibt, wird er dann wahrscheinlich pünktlich zum runden Geburtstag im Mai ein neues Album vorlegen. Und es wird wie immer ein besonderes berührendes und besinnliches Vergnügen sein, ihm zuzuhören. Dieser warmen Stimme, die einen umarmt und immer etwas relevantes zu sagen weiß über das Leben, das ihn noch lange erfüllen und uns mit immer neuen Liedern aus seinem Bleistift beschenken und beglücken möge.

„Das Haus an der Ampel“ ist in zwei Versionen erschienen. Zum einen als Doppelalbum mit einer als „Skizzenbuch“ titulierten Bonusplatte, auf der die Songs noch mal als rein akustische Demo-Fassungen zu hören sind. Zum Zweiten als Deluxe Box in Buchform mit beiden Albumversionen und großem Bilderbuch aus dem Privatalbum der Familie Mey.

reinhard-mey.de

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