Alter Schwede, ist das schön: Jonathan Hultén.

Es gibt eine Reihe interessanter Beispiele, wie Metallmusiker verblüffend sicher auf Folk- oder Countrypfaden wandeln. Die akustischen Verbeugungen von Nate Hall, Wino, Scott Kelly, Steve Till vor Townes van Zandt z. B. gehören meiner Meinung nach in jedes gut sortierte Folkarchiv.

Zuletzt glänzten 2018 die Metaller von Panopticon mit dem brillanten „The Scars Of Man On The Once Nameless Wilderness“ (meinem Freund Kai sei Dank für Tipp und Geschenk!). Die US-Band aus Minnesota lieferte damit den Beweis, dass sie nicht nur derbe knüppeln kann, sondern auch äußerst filigranes, die Seele berührendes Countryklöppeln beherrscht.

Jetzt hat auch Jonathan Hultén, der Gitarrist der schwedischen Death Metal Band Tribulation, sein Faible für zarte Folkwaisen entdeckt. Mit „Songs From Another Place“ legt er gleich ein exzellentes Werk dieses Genres vor. Denn Hultén gelingt nicht nur, sich dieses fremde Terrain zu erobern. Er schafft es, eine spannende, eigene Spiel- und Stilvariante hinzuzufügen.

Folk aus einer anderen Welt und Zeit

Einen so feinen, sortenreinen Song wie „The Mountain“ habe ich schon lange nicht mehr gehört. Hier vereint Hultén die Romantik von Simon & Garfunkel mit der Melancholie eines Nick Drake zu einer völlig eigenständigen Folkperle, in der Progressivität und Schönheit melodisch zusammenfinden.

Das gesamte Album ist durchzogen von derart edlen Akustiksongs, die eine ganz besondere Atmosphäre verbreiten. Der Hörer tritt eine Reise in weit entlegene Musiklandschaften an, die aus einer fernen Zeit zu stammen scheinen.

„Songs From Another Place“ fühlt sich stellenweise an, als würde der Metalmusiker Kartäusermönchen Singen als Ausweg aus dem Schweigeschwur beibringen. Hultén hat sich sozusagen zu Exerzitien vom Rocklärm in ein stilles Folkkloster zurückgezogen.

Gregorianische Gesänge und hymnische Instrumentals

Der Schwede verbindet dabei auf hörenswerte Weise Klangspuren aus dem Mittelalter mit Folk der Moderne. So haftet den mehrstimmigen Gesängen mitunter etwas von Gregorianik an. Wobei der Musiker seinen Kompostionen eine zeitgemäße Songkutte übergeworfen hat. Choräle aus einer anderen Welt, von der man nicht sagen kann, ob sie hinter oder vor einem liegt. Bereichert um Instrumentals mit hymnischer Kraft.

Diese Expedition ins Reich unerforschten Folkterritoriums ist von einer obskuren Spiritualität geprägt. Fremdartig, geheimnisumwoben, aber irgendwie auch seltsam vertraut. Könnte sein, dass dereinst der Fährmann bei der Überfahrt über den River Styx solche Gesänge anstimmt.

Kurzum: Diese Veröffentlichung auf dem progressiven KScope Label ist eine der Überraschungen des noch jungen Musikjahres. Fabelhaft! Bitte mehr davon.

jonathanhulten.com

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