Frage: Ist denn schon 2020? Antwort: Richard Dawson

Mein lieber Scholli! Selten hat es mich mehr Mühe gekostet, ein Album schätzen und mittlerweile sogar lieben zu lernen wie im Fall von Richard Dawsons 2017 erschienenem „Peasant“. Genie und Wahnsinn dieses überaus sperrigen, in seiner Progressivität aber ebenso faszinierenden Albums stellt meine Wahrnehmung bis heute auf eine harte Probe.

Mit seinem sechsten Werk „2020“ (steht das X auf dem Cover dafür, dass der Mann unsere Hörgewohnheiten durchkreuzen will?) bleibt Dawsons Musik nicht weniger originell, stellt sich aber nicht mehr so quer in meine Hörgänge wie der Vorgänger. Wie der Albumtitel schon andeutet, ist der Songwriter aus Newcastle (Gruß an Eric Burdon und Sting), seiner Zeit voraus und mit seinem crazy Progfolkrockdingsbumsgedöns bei einem Label namens Weird World Records (Domino Recording Co.) bestens aufgehoben.

Die Seltsam- bzw. Merkwürdigkeit seiner Songs, die allerdings musikalisch brillant inszeniert sind, hat in den melodischen Momenten etwas von der Kauzigkeit eines Tom Waits, gesanglich allerdings auf der anderen Seite der nach oben offenen Timbreskala. Vic Chesnutt und Robert Wyatt kommen mir als Seelenverwandte in den Sinn. Und nicht zuletzt Jandek, das große Phantom der Rockmusik – ein Bruder im Geiste, der es in Sachen querköpfige Sounds mit Dawson aufnehmen kann.

Der Versuch, „2020“ im Einzelnen zu beschreiben, muss scheitern, weil hier stets die Avantgardeabrissbirne hinter der Mauer der Harmonie lauert. An der Musik von Dawson scheiden sich sicher die Geister, allein der individuelle Höreindruck entscheidet darüber, ob man so ein Werk in den akustischen Himmel lobt oder in die sonische Hölle.

Ich jedenfalls bin für den musikalischen Jahreswechsel bereit und werde das Album sicher auch noch 2030 verschreckt auflegen, weil es wie die Wirrnisse unserer Zeit, die Unsicherheit der Zukunft klingt und darum auch als Ausdruck von Chaos in der Weltordnung und der Zerrissenheit der Menschheit, sich darin zurechtzufinden, gehört werden kann. Ein verrückter Soundtrack für ein verrücktes Millennium. Willkommen im Irrenhaus der Wirklichkeit, deren musikalischer Direktor Richard Dawson zu sein scheint.

richarddawson.net

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.