EX:RE – Die Schwester der Melancholie

Trennungen tun weh, aber wie damit umgehen? Elena Tonra beweist auf ihrem Album „Ex:Re“, das sie unter gleichem Namen veröffentlicht hat, dass Musik ein gutes Ventil ist, um solchen Abschiedsschmerz in fesselnden Klang zu verwandeln. Die Daughter-Sängerin streift darauf als Schwester der Melancholie auf Solopfaden durchs Dunkel der durchlebten Empfindungen.

Tonra erweist sich hier – wie schon als Frontfrau ihrer Band – als Meisterin der Mollfarben, mit denen sie ihre eindringlichen Songs koloriert hat. „Ex:Re“ klingt für meine Ohren ähnlich verloren und verlassen wie das 2009 erschienene Debütalbum von The XX, nur das Tonra in ihren Songs allein in den nächtlichen Straßen von London unterwegs ist, um die Wunden vergangener Liebe zu lecken.

Während bei den jungen Kollegen einst kristallklare Gitarrenklänge und sehnsuchtsvolle Gesangdialoge durchs Dickicht der Stadt führten, um Halt im Nichts zu finden, setzt Tonra auf ein klangliches Fundament aus schweren Basslinien und schleppenden Beats, die den Rahmen für ihre den Verlust beklagende Stimme bilden. Die Stimmung auf diesem Album hat aber durchaus Wärme und lässt den Hörer weniger frösteln als seinerzeit der Erstling von Romy Madley Croft, Oliver Sim und Jamie xx, mit dem The XX der große Wurf gelang.

Tonras zehn Nachrufe auf die verflossene Beziehung sind auf das Wesentliche reduziert und geben sich nicht dem Pathos der Gefühle hin. In all der spürbaren Traurigkeit bewahren die Lieder Gefasstheit und Haltung, weil Tonra so klug ist, sich nicht effekthaschender Weinerlichkeit hinzugeben. So atmen die Songs und setzen Emotionen frei, die den Hörer Anteil nehmen lassen an einem Prozess der Entfremdung.

Schon das mit rollender Bassfigur das Welken der Empfindungen reflektierende „Where The Time Went“ scheint sich mit stoischer Ruhe und Konzentration dem Unvermeidbaren zu stellen und wirkt wie eine Selbstbesänftigung. „Crushing“ sinniert mit wenigen wohlklingenden Akustikgitarrenriffs über das, was beim Paar schief gelaufen ist. Auf „New York“ wird Tonra zur nüchternen Situationskolumnistin, die sich im Elektropop-Modus kurz in einen weiblichen Lou Reed verwandelt, nur weniger bitter und zynisch im Tonfall.

Das gar nicht romantisch verklärte „Romance“ erzählt im Herzschlagbeat vom hoffnungsfrohen Beginn der Liebe, ehe Elena in „The Dazzler“ mal eben die Hotel- und Minibar gegen die Schwermut leer trinkt. Wie der Titel schon andeutet, bricht sich in „Too sad“ dann doch die überfällige Traurigkeit über das Beziehungsende Bahn. Mit „Liar“ folgt der aus einem homogenen Album herausragende Song, der in einer Endlosschleife aus Enttäuschung und Trotz zu mäandern scheint und dem Ex-Lover ein weiteres Mal die Leviten liest.

„5AM“ taumelt mit gesenktem Kopf am nächtlichen Partyleben vorbei in die frühen, einsam verbrachten Morgenstunden und „My Heart“ schließlich vergießt ein paar letzte unvermeidbare Tränen in den Rotweinrest am Boden der Flasche, die zum Vergessen des Schmerzes geleert werden musste. Mit dem Verklingen des letzten Tons kennen wir die Anatomie der vergangenen Beziehung, sehen sie wie ein Röntgenbild im Neonlicht vor uns durchs Dunkel leuchten – Ex:Re klingt lautmalerisch nicht von ungefähr wie X-Ray.

Danke fürs Mitleiden lassen, liebe Elena. Wünsche gute Besserung und eine schöne neue Liebe!

https://www.elenatonra.com

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