Lana del Rey: Sehnsucht, Liebe, Eros in Cinemascope

Um es gleich zu Beginn dieser Rezension frei heraus zu sagen: Meiner Ansicht nach beherrscht niemand in der Popwelt derzeit so wie Lana del Rey, auf der Klaviatur des schönsten, mitreißendsten, schmerzlichsten, unvergleichlichsten aller Gefühle zu spielen: der Liebe.

Der Amerikanerin gelingt es, auf ihrem fünften Album „Norman F*****g Rockwell“ noch mehr als bisher den Zuhörer mit ihren schwärmerischen Gefühlen zu berühren, von cosy über lazy bis dirty, mal als liebreizende Lady, mal als laszive Lolita. Ein hinreißender musikalischer Flirt, dessen Sex Appeal zumindest ich mich gerne und nahezu willenlos ergebe.

„Fucking „Norman F*****g Rockwell“ aufzulegen, ist, wie im Kino in den weichen Sessel der Emotionen zu sinken zur Spätvorstellung eines Multiple-Features von Liebesfilmen. Der Vorhang geht auf, die Leinwand wird breiter und breiter und eine bewegende Romanze reiht sich an die andere, 14 insgesamt. Bis man sich, völlig betäubt vor Sehnsucht nach Zweisamkeit, eine Umarmung wünscht, einen Kuss, eine Hand, die man halten kann.

Del Rey hat ihren Sadcore auf diesem Werk perfektioniert, indem sie ihn noch mehr vom Mainstream Pop entfernt hat und z. B. mit dem bereits vorab veröffentlichten, fast 10minütigen „Venice Bitch“ deutlich macht, dass ihr musikalische Qualität über Radiotauglichkeit geht.

Dieser Song ist exemplarisch für Lanas Weiterentwicklung des eigenen Soundkosmos, in dem zwar alles vertraut klingt, aber wohl überlegt mit Experimentierfreude durchsetzt ist. Der im Folkgewand beginnende Song, mit zarten Streicherklängen unterlegt, wächst sich im Verlauf zum formidablen Psychedelic-Rocksong mit spacigem Gitarrensolo aus – meilenweit vom Popdiven-Klischee entfernt.

Nie zu fett, nie zu süß, gut dosiert und ausbalanciert weiß die Sängerin das Kaleidoskop ihrer Gefühlswelt zu präsentieren. Ob piano- oder gitarrengrundiert, die Songs sind auch dank der feinen Produktionsarbeit von Jack Antonoff aufs Wesentliche, also auf die emotionale Wirkkraft reduziert. Hier und da gibt es ein abgestimmte instrumentale Ergänzungen, die einzig zur Abrundung der durchweg stimmigen Bilder dienen. Denn starke Stimmungsbilder sind es letztlich, die Lana del Rey vermittelt.

Poetische Euphorie und melodische Melancholie, Verletzlichkeit, Berührbarkeit, Sinnlichkeit, Leidenschaft und Hingabe bestimmen ihre Lyrics wie ihre Musik und bringen diese wunderbar wehmutsvollen Songs hervor, die ein California Dreaming Feeling erzeugen, in dem man endlos baden oder einfach am Strand liegen oder im offenen Cabrio mit Blick in den nächtlichen Sternenhimmel den Highway entlang fahren möchte, von Geborgenheit umgeben.

Eigentlich bedarf es keiner Hervorhebung bestimmter Songs, weil jede einzelne Songperle in dieser schöne Albumkette für sich schillert. Darum empfehle ich auch, sich diesem homogenen Album am Stück anzuvertrauen, besser noch hinzugeben. Zu meinen persönlichen Favoriten. „Mariners Apartment Complex“ und „Fuck It I Love You“ holen meine Seele gleich beim Wohlgefühl ab. Überwältigend die traumschöne Ballade „Love Song“, die programmatisch für del Reys emotionale Stärke steht.

Selbst der explizit benannte Sex auf dem Rücksitz eines Autos wird hier nicht zum lieblosen Quickie, sondern zum romantischen Akt, zum liebevollen Höhepunkt sehnsüchtigen Begehrens und leidenschaftlicher Hingabe. Solch ausgewogene Sensibilität ist von bemerkenswerter Qualität.

Übrigens: So oft Lana auch eindeutig wird in ihren Lyrics, man gewinnt den Eindruck, dass die Songschreiberin den Begriff „Fuck“, so hart er auch klingt, tatsächlich als verbalen Climax ihrer Schwärmereien einsetzt, als erfüllenden Moment und Ausdruck vollkommener Liebe.

Wer meint, del Rey erniedrige sich zum männeranbetenden, willigen und verfügbaren Weibchen, zum devoten Objekt der Begierde, fehlt weit. Del Rey verfügt im Gegenteil über eine emanzipierte, selbstbestimmte, fern jeder Naivität offenbar werdende Souveränität, die das männliche Geschlecht zur gleichen Hingabe herausfordert, zu der sie selbst bereit ist. Subjekt jeder Beziehung ist Lana, nicht Objekt.

Das, was Madonna stets als erotische Provokation inszeniert hat, intoniert del Rey als pure Emotion. Liebe als ultimative Daseinsberechtigung, als alles überstrahlendes Lebensziel. Lana del Rey braucht keine tief augeschnitten Lackcorsagen oder Overkneestiefel, um ihren Sex Appeal zu demonstrieren, sie weckt Begierden, indem sie einfach singt, was sie empfindet, auf ihre unverwechselbare Weise, mit ihrem unter die Haut gehenden Timbre.

Zurück zu den Songs. Das Sublime-Cover „Doin Time“ sitzt auf den Punkt und ist mit seinem „Summertime“-Verweis natürlich prädestiniert für die Anverwandlung durch die in Kalifornien lebende Sängerin. Von bestechender Schönheit und Intensität ist „How To Dissapear“, der Song, der mit seinem modernen Saloncharme diesmal das meiste Retro-Potenzial aufweist.

„The Greatest“ muss nicht nur wegen der effizienten Fuzzgitarre erwähnt werden, die diese Hymne veredelt, sondern vor allem, weil hier die lyrische Brillanz von Lana del Rey offenbar wird:

If this is it, I’m signing off
Miss doing nothing, the most of all
Oh I just missed a fireball
L.A. is in flames, it’s getting hot
Kanye West is blond and gone
„Life on Mars“ ain’t just a song
Oh, the lifestream’s almost on

Ich bin schon sehr gespannt auf ihren für dieses Jahr angekündigten Gedichtband „Violet Bent Backwards Over the Grass“, den del Rey für nur einen Dollar zu verkaufen gedenkt, der inhaltlich aber deutlich werthaltiger sein dürfte als der Schnäppchenpreis ahnen ließe.

Mit dem zarten, die Dichterin Sylvia Plath zitierenden „Hope Is A Dangerous Thing For Me To Have“ beschließt Lana ihr bisheriges masterpiece, mit dem sie sich wirklich vom oberflächlichen Popetikett distanziert und emanzipiert und den verdienten Status einer ernst zu nehmenden Songpoetin ersingt.

Wie reif und reflektiert Lana ist, zeigte sich kürzlich, als sie nach den Attentaten/Amokläufen von Ohio/Texas sowie auf einem Volksfest im kalifornischen Gilroy spontan ins Studio ging, um mit Jack Antonoff den Song „Looking for America“ einzuspielen, den sie unmittelbar unter den Eindrücken und als persönliche Reaktion auf die Blutbäder geschrieben hat. Ihrer Sorge um ein durch Trumps rassistische Hasstiraden und politische Aufwiegeleien gravierend verändertes, zunehmend radikales Amerika setzt sie ihre eigene Sichtweise entgegen, selbstredend als Feuerwerk der Liebe:

I’m still looking for my own version of America
One without the gun, where the flag can freely fly
No bombs in the sky, only fireworks when you and I collide
It’s just a dream I had in mind

Der Abspann endet, die Musik verklingt, das Licht geht an. Ich bin bezaubert, betört und hoffnungslos verliebt in Lana del Rey. Und Dir wird es nicht anders gehen.

https://lanadelrey.com

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