Songwriting mit Pfiff: Andrew Bird überzeugt

Ich mag Menschen, die über Selbstironie verfügen. Wenn ein erfahrener Songwriter wie Andrew Bird sein neues Album „My Finest Work Yet“ betitelt und dann auch noch mit dem subtilen Artwork eines erschöpften Poeten versieht, hat er bereits meine Sympathie. Solch augenzwinkerndes Understatement samt cleverer Selbstvermarktungsstrategie findet man selten.

Natürlich ist es schlicht Tiefstapelei, wenn der Amerikaner sein mittlerweile 15. Album über die bisherigen 14 Werke seines Katalogs stellt, befinden sich darunter doch bereits einige herausragende Platten, um mit „Noble Beast“ (2009) und „Break It Yourself“ (2012) nur mal zwei meiner persönlichen Bird-Lieblingswerke zu nennen.

Also, getriggert von so viel Chuzpe lausche ich dann umso gespannter den Songs des Mannes aus Chicago und merke umgehend, dass Bird sein Versprechen einlöst, für das neue Album sein Bestes gegeben zu haben. Und das beginnt gleich mal mit dem Mut, den ersten Track „Sisyphus“ fröhlich pfeifend einzuleiten. Was mir überraschenderweise trotz meiner ausgeprägten Roger Whittacker trifft Ilse Werner Whistle Allergie gefällt. Bei Bird macht das eingestreute Gezwitscher eben Sinn, es wird geradezu zum nomenhaften Markenzeichen, baut er Whistling doch regelmäßig in seine Songs ein.

Wichtiger ist, dass Birds Songwriting im übertragenen Sinn viel Pfiff hat, sich kompositorisch auf allerhöchstem Niveau bewegt. Allein sein virtuoser Umgang mit der Violine auf diesem Album ist besondere Erwähnung wert. Immer wieder weist er seinem Instrument eine Leadrolle im Songaufbau zu und schafft damit nicht alltägliche Klangbilder.

So wie beim mit Pianotönen eingeleiteten „Bloodless“, einer Ballade mit leichter Bluesgrundierung, die alles andere als blutlos ist. Hier setzt Bird mit Pizzicati-Tupfern und feinem Chorgesang stilvolle Akzente. Beim Violinen-Ausklang merkt man, dass er klassisch musiksozialisiert ist und aus einem entsprechenden Fundus schöpft. Der Mann verfügt über reichlich kompositorische Finesse, mit der er die Spannung in den einzelnen Songs hoch hält.

Das sanft angezupfte „Olympians“ bekommt ein Rockoutfit verpasst und sprüht vor Dynamik. Hier zeigt sich eine weitere Stärke des von Paul Butler äußerst klangtransparent produzierten und mit der kompletten Musikerbesetzung live im Studio eingespielten Albums – die Räumlichkeit des Klangs. „Cracking Codes“ ist zartes Sentiment, das sich zur Hymne auswächst, mit der fast schon obligatorischen Whistling-Einlage. Konventionen? Bird pfeift drauf.

„Fallorun“ klingt zunächst geheimnisvoll, weil etwas arabisch angehaucht, entschließt sich dann aber dazu, ein weiterer grosser Popsong zu werden.
Mitreißende Melodien sind Birds Ding, keine Frage, aber massgeschneidert, nichts von der Mainstreamstange. Gerade mal die Hälfte des Albums und schon bin ich schwer beeindruckt von Klasse und Vielfalt des Werks.

„Archipelago“ hat mich gleich mit seinen wunderschönen Violinenschleifen am Haken. Ein schwärmerischer Song im 7. Geigenhimmel, der die Poetenpose auf dem Cover allemal rechtfertigt. Das leicht angejazzte
„Proxy War?“ spielt mit vortrefflicher Drumarbeit packende Rhythmik in den Vordergrund und lässt Raum für Saitenspielereien auf Gitarre und Geige. Bei „Manifest“ ist es dann ganz um mich geschehen. Songwriting mit Herz, Seele und Melodieseligkeit, euphorischer Gessng inklusive.

Da, er tut’s schon wieder. Diese filigranen Violinenzupfer sind ein sehr eigenständiges Stilmittel, um einen Song wie „Don the Struggle“ vom Gewöhnlichen abzuheben. Marschiert zwischen den stilleren Passagen mächtig voran der Track. Im abschliessenden „Bellevue Bridge Club“ meldet sich der klassische Songwriter zu Wort, der mich an den großem Don Mclean zu seinen Hochzeiten erinnert, dessen fabelhaftes Frühwerk ich in Kürze hier auch noch einmal würdigen werde.

Fazit: „My Finest Work Yet“ hat auf der Shortlist meiner persönlichen Favoriten 2019 jetzt bereits einen festen Platz und sicher ganz weit vorne. Hier stimme ich übrigens mit RollingStone-Redakteurin Ina Simone Mautz, völlig überein, die dieses „Album des Monats“ als Meilenstein in Birds Gesamtwerk verortet.

Bleibt zum Schluss also nur die pure Zustimmung zur Selbsteinschätzung des Künstlers. Wahrlich sein feinstes Album bisher.

http://www.andrewbird.net

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