Bryan Ferry lädt zum Tanztee nach Babylon

Ohne das TV-Highlight „Babylon Berlin“ wäre ich wohl kaum auf die Idee gekommen, mich für das neue Album von Bryan Ferry zu interessieren. Zwar hege ich eine glühende Verehrung für die frühen Roxy Music, ihre letzten Alben drifteten mir aber zu sehr in relativ belanglosen Mainstream-Pop. Und Ferrys Solo-Alben waren mir (bis auf wenige Ausnahmen wie das grandiose Platters-Cover „Smoke Gets in Your Eyes“ und die Lennon-Hommage „Jealous Guy“) meist zu seicht oder schnulzig.

Der Gast-Auftritt des offenbar kaum alternden Beaus im verruchten Film-Etablissement „Moka Efti“ ließ mich dann aber aufhorchen. Den Roxy-Klassiker „Bitter-Sweet“ vom Album „Country Life“ mit Tanzorchester-Patina anzutünchen erweist sich als höchst erfreuliche Überraschung. Denn das Setting der 20er/30er Jahre in „Babylon Berlin“ scheint wie maßgeschneidert für das leicht dekadente Dandy-Image des Briten und sein sehnsüchtiges Timbre.

Hier bekommt das Oberflächliche plötzlich Tiefe, zieht mit großer Geste den Theatervorhang auf und feiert das Leben mit der morbiden Konnotation der Berlin Babylonischen Zeitläufte, in denen der Hang zum Exzess wie eine fatalistische Reaktion auf die dunkel dräuenden politischen Umwälzungen wirkt.

Das ganze Album versprüht im Orchestergewand diesen fragilen, nostalgisch angehauchten Nachtclub-Charme, der die alten Zeiten, ihren goldenen Glanz wie ihre schweren Schatten wieder auferstehen lässt. Ob instrumental oder mit Ferrys leicht brüchiger stimmlicher Eleganz, die Songs von Roxy Music nehmen hier die expressionistische Färbung an, die stets in ihnen mitschwang.

So ist es eine äußerst kurzweilige Freude, den starken Charakter und die musikalische Qualität der Roxy Music Songs in der Stilistik von Max Raabes Palastorchester neu zu entdecken. Ich bin mir sicher, dass der Berliner Pfleger der deutschsprachigen Liedkultur „Bitter-Sweet“ auf seinem Grammophon liegen hat.

In Gedanken höre ich bereits ein Sequel-Album vor mir, das für solchen Wohlklang prädestinierte Großtaten der Band wie „For Your Pleasure“, „In Every Dream Home A Heartache“ oder „Mother Of Pearl“ ins schummerige Moka Efti Licht rückt. Vielleicht nimmt Bryan ja meine Anregung auf.

Und so werde ich mir heute zur besten Tea Time bei einem guten Schälchen Earl Grey diese kleinen Songjuwelen ins Ohr träufeln, wo sie kandisgleich am Tassenboden durch mein Gehör knistern wie eine alte edle Schellack-Platte, die „While my heart is still beating“ spielt, einen meiner Roxy Lieblingssongs.

Kurzum: Stilvoller kann man an einem verregneten Sonntagnachmittag kaum in Erinnerungen schwelgen. Chapeau, Mr. Ferry!

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