Budenzauber – Bildband feiert Trinkhallen

Im Ruhrgebiet sind sie seit langem Kult und nicht aus dem Alltag der Menschen wegzudenken: die Trinkhallen. Endlich werden die Kioske, Büdchen oder wie immer auch man diese Miniatur-Einzelhandelsunternehmen im Pott nennt, angemessen gewürdigt, in einem vom Mannheimer Verlag Edition Panorma plakativ gestalteten Bildband.

Trinkhalle Kiosk Müller in Bochum-Wattenscheid. Bochum, 13.06.2017

Die liebevolle Foto-Hommage von Reinaldo Coddou H. und Jan-Henrik Gruszecki an die Bastione der Versorgungs- und Gedankenaustauschkultur im Ruhrgebiet bildet die ganze Vielfalt dieser Kiez-Mikrokosmen ab. Die beiden Autoren haben den Pott rauf- und runter abgeklappert und die schönsten und originellsten Trinkhallen des Reviers porträtiert und ihnen mit dieser künstlerischen Dokumentation ein verdientes Denkmal gesetzt.

Trinkhalle Banaschik, Duisburg

Ob als wehrhafte Festung eingequetscht zwischen blassen Hausfassaden oder neben von Abrissbirnen zerstörten Wohnhäusern, in Klinker eingemauert oder direkt am Bolzplatz, im Viertel an der Ecke oder als freistehendes rundgeformtes Exemplar, die von den beiden Fotografen abgebildete Büdchen-Vielfalt wird diesen beliebten Vorrats- und Nachschubquellen mehr als gerecht.

Trinkhalle UZ, Oberhausen

Es sind im wahrsten Sinne des Wortes „Lebensmittelpunkte“. Hier trinkt so mancher auf dem Weg zur Arbeit seinen ersten Kaffee am Morgen oder das letzte Bier nach Feierabend, da gibt’s Belegte Brötchen, Bockwurst und Frikadelle und auch den Magenbitter danach. Büdchen sind halt die Rettung, wenn die Zeit knapp wird oder der Kühlschrank so leer ist wie der Magen.

Das „kleine Wirtschaftswunder“ um die Ecke, Versorgungszentrale für alles und für jeden, der einen kurzzeitigen Mangel an Lebensmitteln, Spirituosen, Tabakwaren oder auch an Gespräch, Zuwendung und Zugehörigkeit überwinden muss.

Verkaufshalle, Duisburg


So sind Trinkhallen lokalkolorierte Begegnungs- und Zufluchtsorte mit individuellem Flair und von – nicht selten und nicht untertrieben – existenzieller Bedeutung für so manchen Anwohner. „Anne Bude“ wie man im Ruhrpottslang so schön sagt, wird eben noch ganz analog von Mensch zu Mensch über Arbeit, Familie, Fußball oder Politik, über Gott und die Welt gesprochen.

Tezcans Kiosk in Herne

Mittendrin die nimmermüden, beinahe Tag und Nacht präsenten „Helden des Alltags“, die Trinkhallenbesitzer/innen, die als bestens über alles informierte Vertrauenspersonen, als Beichtmütter- und Väter der Nachbarschaft gelten und hohes Ansehen in ihrem Kiez genießen. Seelentröster, die sich noch jede Lebensgeschichte, und sei sie noch so traurig, eine ums andere Mal anhören, weil das Herzausschütten der Kunden im Preis inbegriffen ist.

Kiosk Kaya, Oberhausen

Sie behandeln jeden gleich, die Alten wie die Jungen, die Malocher wie die Außenseiter – oder wie Hanns Dieter Hübsch diese einst so liebevoll sanftmütig beschrieb – die seitlich Umgeknickten. Die Herrscher kleiner Paradiese voller Süßwaren, Bonbons, Fruchtgummmis Lakritz, Marshmellows sind Engel, die mit der entsprechenden Geduld die Naschobjekte der Begierde für die Kinder einzeln aus den Gläsern fischen.

Trinkhalle, Bochum

Die Trinkhallen repräsentieren immer auch noch die ganze Pracht des analogen Blätterwaldes, der sich bald schon im digitalen Papierschredder auflösen wird. Ob Tageszeitung, Comic, Groschenroman oder Nackthäschen-Magazin, jede Leselust wird hier befriedigt. Und auch der inzwischen gesetzlich ghettoisierte Raucher ist an diesen Inseln der kleinen Glückseligkeit noch gerne gesehen, kann seine Zigaretten- und Tabakvorräte auffüllen und das Kiosk seines Vertrauens in heiligenscheingleiche Rauchkringel hüllen.

Inge’s Büdchen in Herne. Herne, 15.12.2016

Ich hoffe sehr, dass es den „Treffpunkt Trinkhalle“ noch lange in unser zunehmend automatisierten Welt geben wird als ein Stück Heimat und Herkunft, über das man stundenlang mit glänzenden Augen erzählen kann. Diese Büdchen-Welt mit ihren Geschichten wäre wahrlich ein pittoresker Romanstoff für einen „Ureinwohner“ wie Frank Goosen.

Und sollte eines schlechten Tages diese Kultur doch von der Bildfläche verschwinden, fällt mir nur eins dazu ein: Na dann, gute Nacht!

https://www.facebook.com/watch/?v=557309914773337

Treffpunkt Trinkhalle

Reinaldo Coddou H. & Jan-Henrik Gruszecki

Verlag EDITION PANORAMA

224 Seiten, ca. 200 Fotografien in Farbe

Format: 21 x 17 cm

24,80 Euro

https://editionpanorama.com

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